Freiheit?

Wer die Freiheit nicht im Blut hat, wer nicht fühlt, was das ist: Freiheit – der wird sie nie erringen.

Kurt Tucholsky

Dieses Zitat habe ich in meinem Hauptblog unter “About” stehen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie Tucholsky es selbst gemeint hat, aber natürlich, was ich mir darunter vorstelle. Ich sehe in diesem Ausspruch nicht nur einen Vorwurf an alle Menschen, die eben nicht wissen was es heißt, Freiheit zu fühlen, sondern auch den innersten Drang des Aussprechers nach dieser von ihm gefühlten Freiheit.

Freiheit. Ein großes Wort. Jede Revolution wurde im Namen der Freiheit geführt – Freiheit für alle von den unterdrückenden Tyrannen. Deutlich wird allerdings, dass die proklamierte Freiheit meist nicht lange hielt. Aus vielen ehemals totalitären Nationen entstanden wiederum Diktaturen, natürlich zum Wohl des Volkes, denn es gibt ja immer einige Wenige, die am besten wissen, was die Mehrheit will. Die ganzen kommunistischen und ehemals kommunistischen Staaten sind hierbei wohl das beste Beispiel, aber auch im Irak und in Afghanistan lässt sich dieses Phänomen heute noch beobachten. Wahrscheinlich war Saddam Hussein wirklich ein grauenhaftes Übel, aber geht es den Menschen unter der amerikanischen Belagerung nun wirklich besser? Diese haben die Situation immerhin nicht wirklich unter Kontrolle, schon längst hätten die Truppen wieder abziehen sollen, doch Bürgerkrieg und Randale verhindern dies. So auch in Afghanistan, wo man Tag für Tag die Taliban jagt, die sich aber weder erwischen lassen, noch sich seit 2001 irgendwie unangenehm bemerkbar gemacht haben. Ein Glück, natürlich, aber kann man das den “Bringern der Freiheit” wirklich zuschreiben? Und lassen sich im “Kampf gegen den Terror” und damit natürlich auch den für die Freiheit der angeblich Unterdrückten Massenopfer der Kriegsmaschinerie rechtfertigen?

Freiheit bedeutet für mich vor allem eines: Gewaltfreiheit. Pazifismus, wenn man so will, allerdings meine ich nicht bloß das Fehlen von Kriegen oder dergleichen. Gewalt findet auch und gerade in jeder Demokratie tagtäglich statt und das noch dazu monopolisiert in Form des Staates selbst. Es ist nun mal so – ohne Gewalt kann eine Demokratie, die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit, nicht funktionieren. Menschen lassen sich, wenn es um ihre eigenen Interessen geht, nur selten durch gutes Zureden überzeugen. Zudem es ja so etwas wie ein objektiv richtiges oder gutes Verhalten gar nicht gibt. Alleine was die Wirtschaftspolitik betrifft gibt es unzählige Ansichten, bei denen jeder Einzelne davon überzeugt ist, dass seine die einzig gerechte, glückbringende und ganz allgemein “beste” Lösung ist. Irgendwann findet sich dann eben eine Mehrheit und nutzt den Staatsapparat, um den gefundenen Kompromiss auch jenen aufzudrängen, die sich nicht damit abfinden wollen.
Aber ist das wiederum gerecht? Aus Gründen der Pragmatik (oder gar der Selbstüberzeugtheit) Menschen dazu zu zwingen, Verhaltensweisen anzunehmen, die nicht ihren eigenen moralischen Vorstellungen entsprechen?

Ich sehe diese Sache sehr kritisch. Natürlich könnte man einwenden, dass das Gegenteil der Demokratie, nämlich Anarchie, nicht praktikabel ist. “Jeder macht, was er will, und dann entsteht nur heilloses Chaos” – das ist die weitverbreitete Antwort, wenn man jemandem nach dem Wesen der Anarchie fragt. Dabei bedeutet dieses Wort lediglich “Herrschaftsfreiheit” und damit natürlich auch Gewaltfreiheit. Und andererseits sind die meisten Menschen, wenn man sie danach fragt, ja auch irgendwie Pazifisten, oder?
Gibt es so etwas wie “gute Gewalt”, “gerechtfertigte Gewalt” – kann es so etwas wie ein Konstrukt geben, das sich einerseits die Prävention von Gewalt auf die Fahnen geschrieben hat, andererseits aber genau diese einsetzt, selbst wenn es um Dinge geht, die gar nicht der Verteidigung von Leben, Freiheit und Eigentum dienen?

Wie wäre es, wenn man die Menschen einfach mal ihre Freiheit lässt? Natürlich nicht von einem Tag auf den anderen, daraus entstünde wohl wirklich nur ein unüberschaubares Durcheinander. Aber langsam, Schritt für Schritt, könnte man doch – im Namen der Freiheit – die Staatsgewalt vermindern, bis sie auf ein notwendiges Minimum reduziert wurde oder sogar gar nicht mehr vorhanden ist. Ohne bei der nächsten Gelegenheit wieder jemandem das Zepter zu reichen, der davon überzeugt ist, alles besser zu wissen und jedem einzelnen Bürger zu Wohlstand zu verhelfen.
Würden sich die Leute gegenseitig ausrauben, das sozialdarwinistische Recht des Stärkeren regieren und die Schwachen klanglos untergehen – so, wie das viele Dystopisten der Anarchie prophezeihen?
Oder würde sich alles, wie das die Gegenseite beschreibt, nach marktwirtschaftlichen und damit auch kooperativen und vertrauensbasierten Grundsätzen hin zum positiven verändern? Immerhin haben wir viele Jahrhunderte hinter uns, in denen die Zivilisation reifen konnte und deren ethische Grundsätze nicht so einfach aus unseren Köpfen verfliegen.

Das größte Problem hierbei sehe ich allerdings nicht in einem egoistischen Menschen (denn Egoismus kann sich auch zum Guten wenden), sondern in seinem Drang nach einer Führungsperson, nach jemandem, der für ihn sorgt und sich um die Dinge kümmert, für deren Erledigung er selbst zu faul ist. Ein starker Mann. Eine starke Hand. Vater Staat. Eine Gewerkschaft.
Eigentlich ein ziemlich kindliches Verhalten, oder? Und doch findet es tagtäglich beim Delegieren von Verantwortung – mehrheitlich an Politiker – seine Anwedung. Dagegen ist an sich zwar nichts zu sagen, immerhin ist das Prinzip der Arbeitsteilung ein ökonomisch sehr wertvolles. Nur müssen in einer Demokratie leider auch jene Menschen ihre Eigenverantwortung abgeben, die diese vielleicht lieber behalten hätten. Die selbst wissen, was für sie gut ist und wie sich am besten ihr Leben ausrichten – ohne dass sie dafür einen womöglich gar unterqualifizierten Volksvertreter benötigen, der für sie gegen Diskriminierung, Armut oder für die eigene Gesundheit kämpft.

Das größte Problem beim modernen Staatsbetrieb sehe ich jedenfalls darin, dass man aus ihm nicht freiwillig austreten kann. Kaum ein bewohnbares Fleckchen der Erde ist noch nicht von einer Staatsmacht besetzt, zudem kämen Probleme der Praktizierbarkeit hinzu, lebte man zum Beispiel alleine in einer Hütte im Wald, abseits der Gemeinschaft: Immerhin will so ein “Aussteiger” im nicht herkömmlichen Sinn vielleicht auch arbeiten, ordentliches Essen kaufen oder seine Freunde treffen. Dazu muss er allerdings in der Nähe von Städten und Dörfern leben, und die sowie deren umgebendes Gebiet sind meist fest in der Hand von Verwaltern und Regulierern, die dem Aussteiger somit wieder vorschreiben könnten, was er zu tun und lassen hat – denn so etwas wie echten Privatbesitz gibt es meines Wissens nach nirgends.

Vielleicht bleibt einem zum Erringen der persönlichen Freiheit womöglich wirklich nur Revolution. Dafür müsste er allerdings Gleichgesinnte treffen, mit denen wiederum ein Plan ausgearbeitet werden müsste, wie dies ohne Gewalt und dabei mit dauerhaftem Resultat möglich ist. Und dass es dabei wiederum an der Realisierbarkeit scheitert, wäre nicht allzu verwunderlich. Da käme nämlich dem freiheitsliebenden Menschen jener in die Quere, der ebenfalls die Freiheit liebt – aber etwas ganz anderes darunter versteht.

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