Einträge mit dem Tag Erzählungen

Träumerei

geschrieben am 29. Juni 2009

Wie jeden Abend setzen mein Sohn, meine Frau und ich uns nach dem gemeinsamen Abendessen noch vor den Fernseher. Er darf dann noch “Spongebob” schauen, zwei Folgen hintereinander, während meine Frau und ich versuchen, uns weiter über dies und jenes zu unterhalten, was aber meist mit einem genervten “Sch!” von unserem Elfjährigen quittiert wird. Wie jeden Abend bringe ich ihn nach der einen Stunde Fernsehen ins Bett und unterhalte mich noch ein wenig mit ihm. Für sein Alter ist er ziemlich aufgeweckt und hinterfragt seine Umwelt schon sehr kritisch – zumindest glaube ich das, wenn ich ihn zum Beispiel mit seinen Klassenkameraden vergleiche. Aber das ist natürlich nur ein sehr oberflächlicher Vergleich, denn so wie mein Sohn ruhig und mitunter gar geistesabwesend wirken kann, könnte auch unter der Schale anderer Kinder mehr stecken, als man zunächst vermutet.

Vor dem Schlafengehen erzählt er mir jedenfalls zunächst von seinem Tag. Davon, wie sie in der Schule von deutschen Grammatikregeln gelernt haben, die er ziemlich langweilig findet und er Englisch sowieso lieber hat. Und wie der Michael, sein bester Freund, stolz ein neues Handy in der Klasse herumgezeigt hat und mein Sohn das ziemlich langweilig fand, weil ja eh nur die Kamera besser ist. Erstaunlich, über was sich Schüler heutzutage den Kopf zerbrechen, aber dasselbe wird er in zwanzig Jahren wohl auch über die Geschichten seiner Kinder denken.
Nach einigen Berichten über die neue Geografie-Lehrerin und deren zuvor unbekannte Strenge, die sich erst nach und nach offenbart, wird er plötzlich ganz ruhig. Er weiß, dass es Zeit ist, das Licht abzudrehen und schlafen zu gehen, er merkt es wohl an meinem zunehmend ungeduldigeren Verhalten. Nicht, dass mich seine Erzählungen nicht interessieren würden – im Gegenteil. Es ist für einen Fünfunddreißigjährigen unerwartet spannend, aus dem Leben der eigenen Kinder zu hören. Nicht nur, weil sie eben die Kinder sind, sondern weil man mit einer Welt konfrontiert wird, die man so nicht kennen gelernt hat, und die immer nur aus den Augen eines Kindes der jeweiligen Zeit authentisch und nachvollziehbar erzählt werden kann. Wenn Erwachsene über “die Jugend” reden, so ist ihr Denken meist vorurteilsbehaftet oder – auch wenn sie es gar nicht böse meinen – eben aus der Sicht eines Außenstehenden formuliert, der sich normalerweise auf alte und nicht mehr zeitgemäße Werte sowie Vorstellungen bezieht. Das kann man den entsprechenden Personen gar nicht so übel nehmen, sie können schließlich nicht immer etwas dafür. Männern fällt es schließlich auch nach Tausenden Jahren der Kommunikation mit Frauen schwer, ihre Geschlechtsantagonisten zu verstehen. Aber gerade deswegen ist der direkte Dialog mit Kindern (und natürlich auch Frauen) so wichtig. Zuhören statt überstürzter Gedankenäußerungen – davon bräuchte es mit Sicherheit mehr.

Wie auch immer. Er hat also offenbar noch etwas auf dem Herzen, das verrät mir sein Blick. Auch eine Erkenntnis, die erst nach vielen Gesprächen deutlich wurde und die ich inzwischen als zuverlässig bezeichnen würde.
“Du, Papa…”, fängt mein Sohn an und schaut mir dabei entschlossen in die Augen, dass es mir fast schon Angst macht.
“Ja? Willst du mir noch etwas sagen?”
“Naja… weißt du… also, gibt es so etwas wie Schlafphobie?”
“Schlafphobie?”, frage ich und kann mir dabei ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Er nimmt es mir offenbar übel – verständlich.
“Ja, Schlafphobie. Keine Ahnung, ob man das so nennt, ist ja auch egal. Weißt du nicht, was ich meine?”
“Doch, doch. Du meinst Angst vor dem Schlafen. Hm, ich weiß nicht. Da müsste man einen Psychologen fragen, aber vermutlich schon. Wieso, plagt dich das etwa?”
Meine Stimme kann eine gewisse Unernsthaftigkeit nicht verbergen.
“Ich weiß nicht… vielleicht. Jedenfalls fühle ich mich in meinem Bett nicht besonders wohl, wenn ich daran denke, dass ich gleich einschlafen werde. Oder einschlafen muss. Das hat nichts mit dem dunklen Zimmer zu tun, ich bin ja auch kein Baby mehr. Aber irgendwie… stört es mich. Dass ich schlafen muss.”
“Hm”, murmle ich, und denke nach. “Und was ist, wenn du vorm Einschlafen einfach an was Schönes denkst? Dich auf einen tollen Traum vorbereitest? Das ist doch etwas Schönes, finde ich.”
“Ich weiß nicht. Ich meine ja eigentlich das Träumen. Sicher gibt’s auch tolle Träume, aber egal ob schön oder nicht, man ist in all ihnen dem Träumen selbst ausgeliefert. Egal, wie auch immer…”
“Nein, rede weiter. Das klingt ziemlich interessant.”
Meine Neugier ist ehrlich geweckt.
“Also, was ich meine ist doch offensichtlich. Wenn ich träume, erlebe ich die verrücktesten Sachen. Das ist schon cool, aber ich kann sie nicht beeinflussen. Und manchmal passieren dann ganz grässliche Dinge und auch die kann ich natürlich nicht abwenden. Das macht mir einfach Angst. Diese Ohnmacht.”

Ich verstehe, was er meint, aber ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Ich habe schon mal von so einer Krankheit gehört, die manche Menschen wirklich plagt, sie nicht einschlafen, sie Tage und Nächte hindurch wach bleiben lässt. Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass mein Sohn wirklich darunter leidet. Immerhin schläft er nach spätestens einer halben Stunde immer wie ein Stein, wenn ich leise sein Zimmer betrete um mich davon zu vergewissern. So schlimm kann es um ihn also nicht bestellt sein – aber natürlich nehme ich sein Anliegen ernst.

“Weißt du”, sage ich zu ihm, “ich hatte so etwas auch einmal. Mir hat dabei etwas geholfen, das ich ‘das Denken ausschalten’ nenne. Nein, ich will nicht, dass du gar nicht mehr nachdenkst, aber zumindest vor dem Schlafengehen hilft das. Einfach nur die Decke anzustarren und an nichts denken als das graue Weiß, das dir da entgegenstarrt. Irgendwann bist du dann sowieso müde und schläfst ein, ohne viel davon mitzubekommen. Willst du das vielleicht mal probieren?”
Habe ich gerade zum ersten Mal meinen Sohn angelogen? Oder steckt da doch etwas dahinter? Die Antwort kam spontan und ohne dass ich viel darüber nachgedacht hätte. Irgendwas muss ich ihm ja sagen, ihn irgendwie aufbauen. Das ist meine Aufgabe als Vater. Und manchmal geht es eben nicht ohne Lügen, oder eigentlich Schwindel, wie ich es eher bezeichnen würde. Notschwindel, sozusagen.
Ich gebe mich damit erstmal zufrieden und mein Sohn sich offenbar auch. Er murmelt, sichtlich ermüdet, nur noch so etwas wie “Ist gut, mach ich, Papa” und es folgt unser Gute-Nacht-Kuss-Ritual. Dabei nehme ich seinen Kopf in die Hände und küsse ihn auf die Stirn und er tut dann das gleiche bei mir. Das mag für Außenstehende komisch anmuten, aber es hat sich zwischen uns etabliert und drückt irgendwie so etwas wie eine Gleichwertigkeit aus, die die sonst stattfindende Überlegenheit des Vaters über seine Kinder negiert. Das gefällt mir und ihn offenbar auch, also bleibt es auch weiterhin dabei. Es sieht uns ja ohnehin niemand.

Kurz danach gehe ich noch in die Küche und mache mir einen kleinen Snack. Eigentlich sollte ich früh schlafen gehen, denn morgen habe ich zeitig eine wichtige Präsentation vor sämtlichen Mitarbeitern. Auch meine Frau ist schon im Bett, sie liest allerdings noch, wie sie das fast jeden Abend macht. Wir sind in den letzten Jahren ein wenig gemütlich geworden, was sicher auch damit zu tun hat, dass wir nach der Kleinkindphase unseres Sohns genug von Aufregung und Abwechslung haben. Jetzt ist eine Zeit der Ruhe und Gelassenheit eingetreten, die mit der kommenden Pubertät unseres Sprösslings sowieso wieder durcheinander geworfen wird. Da kann man das bisschen Entspannung ruhig genießen.
Aber irgendwie habe ich jetzt keine Lust mehr auf das Schlafengehen. Nachdem ich mein Brot und den Rest vom Nudelsalat gegessen habe, setze ich mich aufs Sofa und sehe fern. Meine Frau kommt ins Zimmer und fragt mich, wieso ich denn nicht auch ins Bett komme und ich erwidere nur, dass ich noch nicht müde sei. Sie nimmt das hin und geht wieder zurück ins Schlafzimmer. Ich hingegen mache mich auf der Couch breit und zappe durch die Kanäle. Nichts Spannendes, nur ein paar langweilige Hauptabendfilme in der dritten Wiederholung. Ich greife zu der Chipstüte, die auf dem Beistelltisch steht und gewissenhaft nur sporadisch angerührt wird. Jetzt jedoch packt mich ein Heißhunger auf die Kartoffelscheiben und ich esse sie alle auf. Anschließend hole ich mir aus der Küche Orangensaft und trinke ihn in großen Schlücken.
Was nun? Ich bin immer noch nicht müde, doch Langeweile stellt sich ein. Lesen? Nein, das freut mich nun auch nicht. Eine DVD ansehen? Schon besser, aber was? “Last Days” kommt mir da in den Sinn, ein Film von Gus van Sant über die letzten Tage einer Persönlichkeit, die nicht nur zufällig frappierende Ähnlichkeiten mit Kurt Cobain besitzt. Da mich der Film interessiert und ich ohnehin nichts Besseres zu tun habe, gebe ich mich ihm für neunzig Minuten hin.

Danach bin ich zwar um einige filmische Erfahrungen schlauer, aber immer noch nicht müde. Ich werfe einen Blick ins Schlafzimmer und sehe, dass meine Frau bei brennendem Licht eingeschlafen ist, das Buch in der rechten Hand. Ich beschließe, dass es wohl das Vernünftigste wäre, mich einfach zu ihr zu legen und die Sache mit den Schlafen doch noch zu probieren. Immerhin steht mir morgen ein langer Tag bevor und müde bin ich dann sowieso, egal wie wenig ich es jetzt bin.
Im Bett und dunklen Zimmer liegend denke ich über die Worte meines Sohns nach. Schlafphobie. Irgendwie kam mir diese Bezeichnung so bekannt vor, auch wenn ich das in dem Moment noch nicht begriff. Ich habe bestimmt schon von Schlafstörungen wie Insomnie gehört, wo die Betreffenden einfach nicht einschlafen können. Aber nicht, weil sie Angst davor haben, sondern weil ihr Körper es ihnen einfach nicht ermöglicht. Aus unerfindlichen Gründen will er wach bleiben, obwohl das auf Dauer nicht gesund sein kann. Aber diese Sache mit den Träumen ist eigentlich was ganz anderes und dabei viel interessanter. Angst vor Träumen, vor dem Träumen? Irgendwie ist das schon nachvollziehbar. Wenn man nicht gerade das Glück hat und einen luziden Traum erwischt oder gar die Fähigkeit besitzt, immer seine Träume kontrollieren und steuern zu können, ist man diesen hilflos ausgesetzt – und das eine ganze Nacht lang. Natürlich hatte auch ich schon genügend Albträume und weiß von den daraus folgenden verwirrenden Sekunden nach dem Aufwachen. Aber dass auch ein normaler Traum mir normalerweise nicht die Gelegenheit bietet, mich darin in irgendeiner Form selbst zu entfalten, ist auch eine Sache für sich. Erschreckend eigentlich, und doch leben wir Nacht für Nacht damit, ohne uns groß daran zu stören. Irgendwann wachen wir ohnehin wieder auf und dann ist der ganze Schrecken für immer vorbei. Oder zumindest bis zur nächsten Nacht.

Wie ich da so liege, werde ich fast schon selbst paranoid. Jetzt einschlafen? Die Müdigkeit macht sich langsam in mir breit, aber es gibt doch noch so viel, worüber ich nachdenken könnte. Über den Film, über die Präsentation morgen und natürlich die Traum-Geschichte. Ja, gerade die bereitet mir nun Kopfzerbrechen. Nein, ich mache mich nicht selbst verrückt. Wozu auch – die unzähligen Nächte zuvor habe ich genauso gut geschlafen, daran wird sich wohl nichts ändern. Aber Einschlafprobleme, so wie jetzt, hatte ich noch nie. Und so viel über das Schlafen und Träumen selbst habe ich auch noch nie nachgedacht.
Komisch. Wenn ich nicht mit meinem Sohn darüber geredet hätte, wäre ich jetzt vielleicht schon im Land der Träume. Und damit meinem Unterbewusstsein hilflos ausgeliefert.